[Interview] STEVE MARTINO – DIE PEANUTS

Peanuts_Film-0011„Kleinigkeiten“

Charles M. Schulz Cartoonserie Die Peanuts mit ihren liebenswerten Figuren Charlie Brown, Lucie, Linus und besonders Snoopy kennen Jung und Alt. Nach langer Filmpause kommt nun der erste dreidimensionale Peanuts Animationsfilm. Geschaffen wurde er von den Blue Sky Künstlern, die auch Ice Age zum Leben erweckten. Für eine frühe Präsentation flog ich nach London, wo im gemütlichen Kinosaal des Soho Hotels Regisseur Steve Martino und Produzent Paul Feig erste Szenen vorstellten. Neben dem Trailer zum Ende hin, wurden Szenen in unterschiedlichen Stadien gezeigt. Es gab Final gerenderte und welche ohne fertige Texturen mit kantigen Umrissen. Dann ebenso gezeichnete schwarzweiß Animationen, die vom Look an die Cartoons erinnerten. Zusammen wurde so die humorvolle Ausrichtung, aber auch der Zeichenstil offenbart, der auf dem ersten Blick ungewöhnlich ist, aber neue Möglichkeiten in der Erzählstruktur bietet.
„Schon als ich mit sieben Jahren das Peanuts Weihnachtsspecial (Fröhliche Weihnachten, 1965) sah, faszinierte mich Charles M. Schulz Welt.“ leitete Martino die Präsentation ein. „Mit dem jetzigen Film ist für mich ein Kindheitstraum wahr geworden. Ich darf in dieser wunderbaren Welt spielen. Lustig war die Reaktion meiner Freunde daraufhin. Sie drückten mir die Daumen und sagten, das ich mir etwas ganz Großes zumute.“ Aus dem Publikum fragte ein Journalist, wie er Snoopy mit einem Wort beschreiben würde und die Antwort kam ohne langes nachdenken: „Sagenhaft.“
Gut zwei Stunden später gab es dann, das Treffen mit Regisseur Steve Martino. Dieser hat seine Karriere als Künstler bei Blue Sky Studios mit Robots begonnen bis er schließlich mit dem Animationsfilm Horton hört ein Hu! sein Debüt gab. Kurz darauf folgen Kurzfilme mit dem prähistorischen Eichhörnchen Scrat und Ice Age 4 – Voll verschoben.

SR: Werden Animationsfilme anderes angegangen als Realfilme?

Im Endeffekt werden Animationsfilme rückwärts aufgezogen. Wir beginnen mit dem Entwurf von Storyboards Anhand des Drehbuches und schneiden diese zu Szenen zusammen. Dann unterlegen wir die gezeichneten Sequenzen mit Temp-Musik, Soundeffekten und Stimmen. So entwerfen wir bereits einen Film, lange bevor erste Animationen entstehen. Bei Realfilmen dagegen werden vor dem Schnitt alle Szenen mit den Darstellern gedreht.

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Steve Martino und SR Chefredakteur Sascha Leupold

SR: Die Peanuts gibt es seit über fünfzig Jahren. Was macht sie so zeitlos?

Ich glaube, weil Charles M. Schulz’s Geschichten von universellen Gedanken und Themen handeln. Charlie Brown steckt in jedem von uns. Jeder trägt kleine Kämpfe mit sich selbst aus und wir versuchen ebenso Aufgaben zu bewältigen, unabhängig ob wir sie schaffen oder nicht. Ich denke, gerade Kinder finden sich in Charlie wieder, wenn er versucht den Drachen steigen zu lassen oder ein Ballspiel zu gewinnen. Es ist nicht leicht und nicht immer gelingt es. Gut, er hat mehr damit zu kämpfen als andere, doch dies soll anspornen nicht aufzugeben. Die Comicstrips sind zeitlos, weil sie vom täglichen Leben handeln und nicht vom Zeitgeschehen oder der Popkultur beeinflusst werden. Dazu geht es um universelle Themen wie Liebe und Freundschaft.

SR: War es herausfordernd diesen besonderen Geist für diese Umsetzung zu erhalten?

Einfach gesagt, Ja. Ich konnte mich glücklich schätzen, ein großartiges Team um mich herum zu haben, die intensive Recherchen und überhaupt ihre Hausaufgaben gemacht haben. Unsere Grundlage war der Comicstrip. Dann haben wir uns mit Jeannie Schulz, Ehefrau und Leiterin des Charles M. Schulz Museum, sowie den Autoren Bryan und Craig Schulz, seinen Söhnen, sowie Cornelius Uliano zusammengesetzt. Dadurch hatten wir Zugriff auf alle existierenden Zeichnungen und Comics und konnten diese analysieren und studieren. Was macht Charlie Brown zu Charlie Brown? Was bewegt ihn? Seine Emotionen, wenn er glücklich oder traurig ist. Obwohl wir den Film dreidimensional animieren, was es mein Ziel alles so zu behalten, wie Schulz es gezeichnet hat. Dazu haben wir nicht gleich den leichtesten Weg gewählt, denn sicher es gibt einfachere Weisen die Figuren zu zeichnen, aber wir wollen eine Art von Realität und gleichzeitig der Vorlage treu bleiben. Dies war eine echte Herausforderung. Und mit unserem Ergebnis bin ich sehr zufrieden.

SR: War es ein Kompromiss die Körper in 3D zu gestalten, während die Gesichter und Mimiken gezeichnet werden?

Absolut. Aber wie ich meinem Team von Anfang an gesagt hatte, ich wollte einen prägenden Stil, eine markante Stiftführung. Etwas, was sich von unserer dreidimensionalen Animation abhebt. Natürlich hätten wir Charlie Brown’s Augen auch ähnlich wie in Ice Age machen können, aber das hätte irgendwie alles verfälscht. Ich wollte gerne diese gezeichneten, feinen Linien behalten.

SR: Gerade die klassischen Filme kombinierten Kurzgeschichten miteinander. Nun gibt es eine Hauptgeschichte. War es schwer aus so vielen kurzen Episoden eine Große zu entwickeln?

Dies war meine erste Diskussion mit unseren Autoren und wir waren alle der gleichen Meinung, einen Film zu machen. Charles M. Schulz hatte sich vorgenommen in einem vier Panels Strip eine Begebenheit zu erzählen und hierin war er ein Meister. Dies passte natürlich zu dem Medium, in dem sie erschienen. Unser Medium ist anders und im Film benötigt man eine übergreifende Geschichte, einen Handlungsgrund und die Charaktere Drumherum. Man braucht eine Geschichte und nicht viele Kleine, die aus Episodenelementen bestehen, die wir aus unserer Vergangenheit kennen. Dies würde, denke ich, den Kinobesucher eher enttäuschen.

Peanuts_Film-0010SR: Du erzähltest, dass viele Freunde Dir gratulierten Peanuts zu machen. Bestimmt hat jeder von seinen Lieblingsszenen erzählt und gebeten diese einzubauen. War es schwer sich nicht beeinflussen zu lassen?

(lacht) Zum Glück hatte ich bei der Hauptgeschichte, also was Charlie Brown beschäftigt und ihn bewegt, wie Snoopy ihn auf dessen Reise antreibt, eine feste Vorstellung. Natürlich kamen Gedanken auf, das ist mein favorisierter Moment im Comic und ich hätte ihn gerne im Film. Aber bei jedem dieser beliebten Momente mussten wir uns fragen, bringt er den Film voran. Passt er. Jeder der Autoren hatte mit diesem Problem zu kämpfen, gerade weil, wie Du sagtest, jeder kam und sagte: „Das ist meine Lieblingsszene, die muss im Film sein.“ Da mussten viele harte, herzergreifende Entscheidungen getroffen werden.

SR: Hat die Vorbereitung des Films lange gedauert oder fingst Du bereits mit sieben Jahren an?

(lacht) Da fingen sie wirklich an, auch wenn ich es noch nicht wusste. Ich erinnere mich, wie ich Charlie Brown als kleiner Junge versuchte zu zeichnen. Es sah so einfach aus, war’s aber nicht. Schulz Figuren sind komplexer als sie scheinen und sie nachzuahmen ist echt schwer. Auf jeden Fall war er der erste Cartooncharakter den ich zeichnete. Ich verrate Dir jetzt etwas. Als wir die Storyboards zusammen mit der Schulz Familie zeichneten, saßen wir im alten Büro, wo Charles M. Schulz all die Strips schuf. Jedes wichtige Treffen über die Geschichte fand dort statt. Im Konferenzraum daneben haben wir all die Storyboards an die Wände gepinnt und so gut anderthalb bis zwei Jahre damit verbracht jedes Detail auszuarbeiten. War schon seltsam manchmal wenn wir unseren Charlie Brown zeichneten und der echte Schulz Brown von der gegenüberliegenden Wand dabei zuschaute.

SR: Die klassischen Filme benutzen den gleichen seitlichen Blickwinkel, wie die Comics. 3D lässt neue Betrachtungsmöglichkeiten zu.

Hier habe ich mich an die Veröffentlichung in der Sonntagszeitung erinnert, die in Farbe war. In meinem Kopf habe ich einen Filter draufgelegt und mir über die Tiefe Gedanken gemacht. Dazu habe ich mir bei den alten Filmen oft die Frage gestellt, wie die Welt um Charlie herum aussah. Manchmal hatte man den Eindruck steht’s die gleiche Wand hinter ihm zu sehen. Aber ich wollte wissen, wie sein Schlafzimmer aussieht oder das Wohnzimmer. In was für einer Nachbarschaft er lebt. Das 3D gab mir nun die Möglichkeit diese Welt zu betrachten und doch versuchte ich diese mit der Vorlage im Einklang zu bringen.

Peanuts_Film-0003SR: Bei der englischen Synchronisation wurde auf echte Kinderstimmen gesetzt und nicht auf bekannte Namen, wie mittlerweile üblich.

Zum Glück gab mir in dieser Richtung die Animationsabteilung von 20th Century Fox Rückendeckung, um den Peanuts treu zu bleiben. Wir wollten von Anfang an echte Kinder, was für mich eine neue Erfahrung war, schließlich hatte ich in meinem letzten Film Ice Age mit Jennifer Lopez, Ray Romano und vielen anderen Namen zu tun. Mit diesen talentierten Sprechern zu arbeiten hat viel Spaß gemacht, aber noch mehr Freude bereitete es mir aus den Kindern alles herauszuholen. Ich fühlte mich in meine Zeit als Fussballtrainer für meine eigenen Kinder zurückversetzt. Nicht zu kompliziert sein und immer Spaß bei der Sache zu haben.

SR: Ein Animationsfilm entsteht durch viele Abteilungen, die sich die Szenen aufteilen. Kann man da leicht den Überblick verlieren?

Dies kann ich mir als Regisseur nicht erlauben. Wie ein Dirigent eines Orchesters habe ich diese wunderbaren Spieler, Animatoren die Charaktere auf einzigartige Weise zum Leben erwecken können, Künstler die wissen wie die Szene richtig ausgeleuchtet wird oder welche, die die richtigen Texturen kennen. Dann habe ich eine Kameracrew, die für den Fluss sorgt. Unsere Kamera musste diesmal anders sein, denn sie blieb auf Kinderhöhe, zu Erwachsenen wurde aufgeschaut. Ich bin für den Überblick verantwortlich und alles was ich zusammentrage muss der Geschichte dienen.

Peanuts_Film-0007SR: Moderne Animationsfilme arbeiten mit Motion Capturing und kombinieren dies mit von Hand Animationen.

Wir haben ausschließlich von Hand animiert. Kein Peanuts Film hätte mit Motion Capturing funktioniert. Dieser besondere Bewegungsstil kann nicht von einem Menschen richtig rübergebracht werden. Snoopy wäre sehr schwer zu spielen, allein wie sein Kopf sich zu dieser hochgezogenen, langen Form verschiebt. (lacht) Da würde man sich nur verrenken. Deshalb haben wir alles von Hand gemacht.

SR: Einen Lieblingscharakter zu nennen wird bestimmt schwer.

Klar mag ich Snoopy, aber auch Linus mit seiner Schmusedecke mag ich, weil er eigentlich richtig weise ist. In meiner Reise während der Produktion habe ich aber wirklich Charlie Brown liebgewonnen. Vielleicht weil man sich oft wie er fühlt. Egal was kam, er rappelte sich wieder auf und so ging es auch mir. Es gab anstrengende Tage und ich musste mich immer wieder motivieren und positiv allem gegenüber sein. Seine Energie, die er immer wieder an den Tag legte, spornte mich an.

SR: Herzlichen Dank für all die offenen Worte.

Sehr gerne.

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Siehe: [Interview] PAUL FEIG – DIE PEANUTS

Interview Sascha Leupold
Interview in abgewandelter Form erstmals erschienen im Magazin: Nautilus – Abenteuer & Phantastik, www.fantasymagazin.de

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